Publikationen: NZZ
Freunde und Weggefährten würdigen Sigi Feigel
Kaspar Villiger, Bundesrat 1989-2003. Sigi Feigel ist ein eindrücklicher Mensch, vor dem ich grosse Hochachtung habe. Erst in meinen letzten Amtsjahren hatte ich enger mit ihm zu tun. Er war für mich ein grosser Humanist, ein Mensch mit hoher Sensibilität. Was ich an ihm bewunderte, war seine Zivilcourage. Er hatte stets sehr klare Positionen, aber er verstand es, diese auf eine Art zu vertreten, die vielleicht sogar von denen, die anders dachten, akzeptiert wurde. Sigi Feigel war völlig unbestechlich und kritisierte überall dort, wo er es nötig fand, auch in seinen eigenen Kreisen. Dadurch hatte er eine Glaubwürdigkeit, die ihm - obschon er kein Politiker war - politischen Einfluss verlieh. Eindrücklich war sein Kampf gegen alle Aspekte des Rassismus. Deshalb habe ich den Eindruck, dass Sigi Feigel viel bewirkt hat, aus seiner Persönlichkeit heraus und ohne eine Machtgruppe im Rücken. In diesem Sinne ist sein Tod ein grosser Verlust.
Elmar Ledergerber, Stadtpräsident von Zürich. Für mich ist Sigi Feigel einer der ganz grossen Männer der Schweiz. Jahrelang war er eine wichtige Persönlichkeit an der Schnittstelle zwischen den Schweizer Juden und den nichtjüdischen Schweizern. Er nahm auch zu weltpolitischen Problemen Stellung. Und als starke Persönlichkeit scheute er sich nicht, seine Stimme auch zur israelischen Politik zu erheben. Ich hatte mit Sigi Feigel zum ersten Mal als Hochbauvorsteher intensiv Kontakt. Ich bewundere, was Sigi Feigel für unsere Stadt alles geleistet hat. Mir imponiert auch sein persönliches Schicksal: Wie er sich nach seiner Tätigkeit als Geschäftsmann mit über sechzig Jahren seinen Berufswunsch erfüllte und Rechtsanwalt wurde. Sigi Feigel und seine Frau waren ein imposantes Paar, das in Würde und geistiger Frische alt werden konnte.
Michel Bollag, ehemaliger Rabbinatsassistent der ICZ, Mitbegründer des Zürcher Lehrhauses. Wegen Sigi Feigels «aussenpolitischen» Aktivitäten ist vielleicht weniger bekannt, dass der Religionsunterricht ihm immer auch ein wichtiges Anliegen war. Sigi Feigel war der festen Überzeugung, dass Bildung und Aufklärung die besten Mittel gegen Antisemitismus und Rassismus darstellen. Darum setzte er sich für gute Lehrmittel nicht nur im jüdischen Unterricht, sondern auch in den öffentlichen Schulen ein. Sein Engagement für die Gesamtgesellschaft ist schweizweit vorbildlich. Als jüdischer Mensch so offen aufzutreten, braucht starken Mut. Sigi Feigel hat der jüdischen Gemeinschaft zu mehr Stolz und Öffentlichkeit verholfen.
Taner Hatipoglu, Vizepräsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich. Sigi Feigel ist für mich eine wichtige Person, die sich immer um den Dialog bemüht hat. Sein Einsatz für die Rechte der Minderheiten ist beispielhaft. Er hat gegen den Antisemitismus gekämpft und sich gleichzeitig für die muslimische Minderheit in der Schweiz eingesetzt. Die Verständigung war ihm ein wichtiges Anliegen - unabhängig von der Problematik des Nahen Ostens. Ich weiss nicht, wer die Lücke, die sein Tod gerissen hat, ausfüllen kann. Eine Persönlichkeit wie Sigi Feigel kann nicht rasch ersetzt werden.
Ruedi Reich, Präsident des Kirchenrats der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Der Tod von Sigi Feigel ist der Tod auch eines Freundes im tiefen Sinne, nicht nur auf der beruflichen Ebene. Es ist mit sein Verdienst, dass wir im Kanton Zürich ausgezeichnete Beziehungen zwischen Religionsgemeinschaften der Juden und der Christen haben. Gerne erinnere ich mich an Sigi Feigels verschmitzten Humor zurück. Als ich ihm einmal, im Wissen um seine Krankheit, beim Abschied alles Gute wünschte, sagte er lächelnd: «Sie müends ihm halt au säge.» Für ihn stand fest, dass der gleiche Gott für uns beide zuständig ist.
René Zihlmann, Präsident der römisch-katholischen Zentralkommission des Kantons Zürich. Wir Katholiken trauern um einen herausragenden Vertreter des Judentums, der Religion, mit der wir das Erste Testament teilen dürfen. Sigi Feigel war ein Fixstern des schweizerischen Judentums - tolerant, dialogfähig und weltoffen. Ein Kämpfer gegen den Rassismus, ein Vermittler zwischen den Standpunkten, ohne faule Kompromisse einzugehen. Sigi Feigels Name und seine Haltung werden über seinen Tod hinaus Bestand haben.
Georg Kreis, Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Sigi Feigel verstand es in mustergültiger Weise, zwei scheinbar gegenläufige Eigenschaften miteinander zu verbinden: Unnachgiebigkeit in der Sache, das heisst im Kampf gegen jede Form von Rassismus, und menschenfreundliche, entgegenkommende Güte. Er war - meistens - ein weiser Mann, der uns unaufdringlich lehrte, dass es nicht genügt, für eine bessere Welt kämpfen zu wollen, sondern dass es dabei auch der Klugheit bedarf. Sein grosses Engagement machte es gleich Gesinnten zuweilen schwer und leicht zugleich: leicht, weil man sich darauf verlassen konnte, dass Sigi es schon richten werde. Und schwer, weil er Massstäbe setzte, weil er anderen unbeabsichtigt das Gefühl gab, dass man eigentlich mehr tun müsste - so viel, wie der unvergessliche Sigi Feigel geleistet hat.
Jacques Schlegel, Rechtsanwalt in der Kanzlei Feigel u. Schlegel. Sigi Feigel ist nicht mehr. Sowohl für seine Familie, seine Freunde, seine Stadt als auch unser Land ist der Verlust immens. So wie sich Sigi Feigel gegen aussen darstellte, so hat er auch gelebt. Unvergessen bleibt, wie er in unserer Kanzlei allen erklärte, warum er ein lukratives Mandat nicht angenommen habe: Er wolle sich der Sache eines unterprivilegierten Klienten, dem Unrecht geschehen sei, voll widmen können. Sigi Feigel ist für uns ein Vorbild; eigentlich müsste er eins für alle Menschen sein.
Neue Zürcher Zeitung, Nr. 213, Seite 33, 31.8.05

drucken