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Abschied von Sigi Feigel
Eine Gedenkfeier in der Israelitischen Cultusgemeinde
Mit dem ihm eigenen Humor pflegte Sigi Feigel sich bisweilen selbst als «Berufsjuden» zu bezeichnen. Das war er auch, und er war es gern, wenn es ihm half, das zu tun, was er am liebsten tat: Türen zu öffnen und Brücken zu schlagen zwischen der nichtjüdischen Mehrheit und der jüdischen Minderheit in unserem Land.
Für die meisten der Gäste, die am späten Sonntagabend den grossen Saal der Israelitischen Cultusgemeinde bis auf den letzten Platz füllten, um von Sigi Feigel Abschied zu nehmen, war er jedoch weit mehr als das: ein Mensch, ein Freund, ein Vorkämpfer und Mitstreiter, auf den man sich verlassen konnte, wenn es irgendwo brannte. Nicht weniger als elf Rednerinnen und Redner waren gekommen, das Leben und Wirken des am 28. August in seinem 84. Altersjahr verstorbenen Anwalts und Ehrenpräsidenten der ICZ zu würdigen.
Neben Rabbiner Kossowsky und dem ICZ-Präsidenten Harry Berg, neben alt Bundesrat Kaspar Villiger, alt Stadtpräsident Josef Estermann und Kantonsratspräsidentin Emy Lalli waren dies vor allem Vertreterinnen und Vertreter jener Stiftungen, die Sigi Feigel ins Leben gerufen hatte, weil er erkannt hatte, dass nichts geschieht, wenn man nichts tut. So waren die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, die Stiftung Erziehung zur Toleranz, das Jugendwohnnetz sowie die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz entstanden - allesamt Einrichtungen, die ihre Effizienz im Kampf für Toleranz und gegenseitigen Respekt dem Charisma des Verstorbenen verdankten und nun vor der schwierigen Aufgabe stehen, die Arbeit ohne ihn weiterzuführen.
«Eine moralische Autorität ohne Amt und Hausmacht» nannte ihn alt Bundesrat Kaspar Villiger und sprach damit aus, was Ronnie Bernheim, Erika Gideon, Jean-Marc Hensch und Werner Kramer mit etwas anderen Worten ebenfalls zum Ausdruck brachten: dass Sigi Feigel einer gewesen war, der Einspruch erhob und zur Tat schritt, wo immer ihm dies notwendig erschien. Dass es ihm dabei immer gelang, Menschen zusammenzubringen und Mitstreiter für seine Anliegen zu finden, war eine der vielen Stärken, die Sigi Feigel neben seiner Zivilcourage, seinem Humor und seiner Menschlichkeit auszeichneten.
Vielen, die an diesem Abend mit Wort und Musik von ihm Abschied nahmen, war Sigi Feigel Ansporn und Vorbild und ein echter Freund gewesen. «Jetzt ist es an uns», sagte Werner Kramer in seinem Schlusswort. Sigi Feigel hätte es vermutlich nicht anders gesagt.
Klara Obermüller
© Tages>Anzeiger; 13.09.2004; Seite 18 Zürich

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