Publikationen: Tagesanzeiger iii

Die jüdische Stimme der Vernunft

Mit 83 Jahren ist am Samstag Sigi Feigel in Zürich gestorben. Wegen seines lebenslangen Engagements für Toleranz und Vernunft wurde er zum wohl bekanntesten Schweizer Juden.

Von Claudia Kühner

Zürich. - Würde man Leute auf der Strasse fragen, welcher Schweizer Jude ihnen als erster in den Sinn käme, es wäre wohl Sigi Feigel. Niemand war öffentlich so präsent wie er, kein Journalist, der sich mit Fragen von Antisemitismus, Rassismus, Israel, Holocaust beschäftigte, der nicht mit Sigi Feigel gesprochen hätte. Auch weil er wusste, dass Sigi Feigel jederzeit zur Verfügung stand und sich nicht zierte. «Ich will die Stimme der Vernunft sein», hat er auch im persönlichen Gespräch immer wieder gesagt. Das betrachtete er als seine Mission in all diesen konfliktreichen, hochemotionalen politischen Debatten der jüngeren Vergangenheit. Und als diese Stimme hat man ihn auch wahrgenommen.

Antisemitismus, Rassismus, Schutz der Minderheiten waren auch längst vor der Holocaust-Debatte seine Themen, oder, wie er selber lieber sagte: Solidarität und Toleranz. Dieses Engagement war seine Antwort auf seine und die Lebenserfahrung seiner Familie. Der Vater war 1904 vor Pogromen in der Ukraine in die Schweiz geflohen. In Zürich kam Sigi Feigel am 17. Mai 1921 auf die Welt, in Hergiswil wuchs er auf. Das war für eine einzelne jüdische Familie in einem Nidwaldner Dorf nicht ganz einfach. Sein Schulfreund jedenfalls hielt es für opportun, mit Studienbeginn den Kontakt zu Feigel abzubrechen, weil er einen jüdischen Freund für seine avisierte politische Karriere für hinderlich hielt.

Stets eloquent und verständlich

Feigel studierte Jus, wollte Anwalt werden, heiratete. Als sein Schwiegervater jung starb, musste er dessen Konfektionsfirma übernehmen. Und musste 62 werden, bis er seinem Wunsch noch folgen und das Anwaltspatent machen konnte. Von da an arbeitete er in seiner Kanzlei in Zürich. Oft genug war er selbst am Wochenende dort anzutreffen, was auch hiess: Ein sehr frommer Jude war Feigel nicht.

Aber er hat sich immer für seine Glaubensgenossen und andere Minderheiten eingesetzt. Für die nicht jüdische Öffentlichkeit wahrnehmbar wurde er als Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) und später als Geschäftsleitungsmitglied des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). Zu vielen, längst nicht nur «jüdischen» Fragen bezog er nun öffentlich Stellung und gab den Zürcher, später immer mehr auch den Schweizer Juden eine Stimme - stets eloquent, verständlich, deutlich in der Aussage. Das ist kein Widerspruch zu seinem lebenslangen Streben, auszugleichen zwischen divergierenden Meinungen.

Seine grosse Energie kam vielen Organisationen und Anliegen zugute. 1980, nach den Jugendunruhen, gründete er den Verein für Jugendwohnhilfe; danach rief er die Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus sowie die Stiftung Erziehung zur Toleranz ins Leben. Er engagierte sich für die Einführung des Antirassismus-Artikels und hat in der Folge Klagen eingereicht gegen Leute, die seiner Meinung nach dagegen verstossen hatten.
Unermüdlich wurde sein öffentlicher Einsatz dann, als es ab Mitte der 90er-Jahre um den Verbleib der nachrichtenlosen Vermögen ging, und mehr noch um die Frage, wie die Schweiz inzwischen ihre Vergangenheit, ihre Flüchtlingspolitik, ihre Geschäftsverbindungen mit dem NS-Regime sah. Angesichts von teils heftigen Attacken aus den USA mischte sich Feigel wiederholt als Mittler ein. Keine Frage, er machte sich in der Schweiz beliebt, weil er auch das Vorgehen mancher jüdischer Organisationen für falsch hielt, die damalige und die gegenwärtige Reaktion der Schweiz in Schutz nahm und das deutlich zum Ausdruck brachte. In der Folge gründete er einen Verein zu Gunsten der Solidaritätsstiftung.

Gefragter als seine Nachfolger

Dass ein Mann, der die Öffentlichkeit so wie er suchte, sich Angriffen aussetzte, nahm er in Kauf. Auch sie kamen von allen Seiten. Immer häufiger erhielt er mit Namen unterzeichnete, also nicht mehr anonyme antisemitische Schmähbriefe (aus denen er später ein kleines Buch machte), sah sich aber häufig auch Kritik aus den eigenen Reihen gegenüber. Es kam nicht immer gut an, dass der Ehrenpräsident der ICZ, der er nach seiner aktiven Gemeinde-zeit wurde, manchmal gefragter war als seine Nachfolger. Nicht gerade beliebt machte er sich auch, weil er in den letzten Jahren vernehmlich seine Stimme gegen die israelische Politik in den besetzten Gebieten erhob und Ministerpräsident Sharon in offenen Briefen kritisierte. Auch hier war es «Vernunft», die er anmahnte.
Am Samstag, am Shabbath, ist Sigi Feigel nach langer und schwerer Krankheit - von der er nie ein Aufhebens machte - in Zürich gestorben. Zu einem späteren Zeitpunkt wird eine öffentliche Gedenkfeier veranstaltet.
© Tages>Anzeiger; 30.08.2004; Seite 1