Erinnerung: Klara Obermüller
Begegnung mit Sigi Feigel - Klara Obermüller erzählt
Meine erste Begegnung mit Sigi Feigel lässt sich fast auf den Tag genau datieren: Es war Ende Oktober des Jahres 1987, als ich bei ihm vorsprach, um Auskunft über das jüdische Leben in Zürich zu erhalten. Auf der Redaktion der ?Weltwoche? hatte man entdeckt, dass es da in Zürich eine Minderheit gab, über die man relativ wenig wusste, und so schickte man mich los, diese Wissenslücke zu schliessen. Als erstes ging ich zu Sigi Feigel, der damals gerade als Präsident der ICZ zurückgetreten war und sich mir gegenüber als ?ehrenamtlichen Berufsjuden von Zürich? bezeichnete. Er gab mir nicht nur Auskunft für den geplanten Artikel; er verschaffte mir auch Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens in Zürich, und er öffnete mir Türen ? eine Kunst, so begriff ich später, von der er aussergewöhnlich viel verstand.
Im Artikel ? ich habe nachgelesen ? liess er sich dann mit dem Satz zitieren: ?Jude ist man, ob man die Gesetze hält oder nicht.? Wie bezeichnend dieser Ausspruch für ihn war und wie unbeliebt er sich damit beim einen oder andern seiner Glaubensgenossen machte, war mir damals wohl noch nicht so ganz bewusst. Dazu musste ich Sigi Feigel erst besser kennen lernen und erfahren, wie unabhängig und selbstbewusst er sein Judentum interpretierte ? den eigenen Leuten wie auch der nichtjüdischen Mehrheit gegenüber.
Der riesige Blumenstrauss, der nach Erscheinen des besagten Artikels am 19. November 1987 auf meinem Schreibtisch in der Redaktion der ?Weltwoche? landete, war ? auch diese Seite lernte ich an Sigi Feigel erst nach und nach kennen ? Dank und Verpflichtung zugleich. Er brachte mir mit den Blumen seine Anerkennung zum Ausdruck; er gab mir durch sie aber auch zu verstehen, dass er mich hinfort zu den Leuten zählte, auf die er zukommen würde, wenn irgendwo Not am Mann oder an der Frau war. Sigi Feigel war ein Weltmeister der Beziehungspflege. Er verstand es, Netzwerke zu knüpfen, sich Verbündete zu schaffen und seine Getreuen überall dort einzusetzen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Wer je sein entschiedenes ?Da muess mer doch öppis mache!? gehört hat, weiss, wovon ich spreche. Und wer Sigi kannte, weiss auch, dass er es nie beim verbalen Appell beliess. Seinen Worten folgten Taten ? das hielt nicht nur er so, das erwartete er auch von den andern.
An Gelegenheiten, sich, schreibenderweise, für seine Anliegen ins Zeug zu legen, fehlte es in der Folge nicht. Rassismus und Antisemitismus sind Themen, die leider allzeit aktuell sind. Einen ersten grossen Höhepunkt aber erreichte mein Einsatz 1994, als es darum ging, Sigi Feigel im Abstimmungskampf für das Antirassismus-Gesetz zu unterstützen. Ich denke, Sie erinnern sich alle noch daran, wie erbittert er damals kämpfte und wie unerschrocken er sich seinen Gegnern, auch den unappetitlichen unter ihnen, stellte. Viele haben damals einen Sigi Feigel kennen gelernt, der nicht nur eine scharfe Klinge führen, sondern auch poltern und auf den Tisch hauen konnte. Wenn er, hemdsärmelig und direkt, den Innerschweizer herauskehrte, wurde es sogar auf den Bänken der SVP still. Und nicht wenigen ist dabei das Bild verrutscht, das sie sich bis dahin von einem Juden aus Osteuropa gemacht hatten.
Die Abstimmung vom 25. September 1994 ist bekanntlich knapp, aber positiv ausgegangen. Dass dieser ?Sieg? Sigi Feigels ganz persönliches Verdienst war, hat meines Wissen niemand bezweifelt. Aber wie viele kennen auch den Preis, den er für diesen ?Sieg? bezahlen musste: die Beschimpfungen, die anonymen Anrufe und Briefe, die Drohungen, die ihm vor Augen führten, wie bitter nötig sein Kampf gewesen war? Dass all diese Schmähungen nur ein Vorgeschmack auf jene braune Flut waren, die während der Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und dem Kampf für die Solidaritätsstiftung über ihn hereinbrechen sollte, wussten zu jenem Zeitpunkt weder er noch seine Mitstreiter.
Ein paar auch an mich gerichtete Kostproben sind mir bei der Vorbereitung für den heutigen Abend wieder in die Hände gekommen. ?Was der grosse Führer Adolf nicht geschafft hat, holen wir nach?, schreiben da sogenannte ?Patrioten mit Aktivdiensterfahrung? und drohen ?Dreckjuden? wie Sigi Feigel und ?roten Scheissweibern? wie mir ganz unverholen mit dem Tod. Weitere Details aus diesen Briefen will ich Ihnen aus Gründen des Anstands ersparen; gleichwohl möchte ich diese Vorfälle hier nicht unterschlagen. Auch sie gehören dazu, wenn man Rückschau hält auf die Zusammenarbeit mit Sigi Feigel. Die Art und Weise, wie er die Schläge einsteckte, ohne sich in seinem Glauben an die Lern- und Verbesserungsfähigkeit des Menschen auch nur im geringsten beirren zu lassen, werde ich nie vergessen. Er nahm die Vorfälle ernst, sie machten ihn traurig; einschüchtern oder gar unterkriegen liess er sich deswegen jedoch nicht. ?Was wottsch??, sagte er mit einem zerknitterten Lächeln, das bei aller Enttäuschung noch immer ein Lächeln blieb und jenen winzigen Funken Hoffnung enthielt, der nötig war, um weitermachen zu können. Auch in den heftigsten Auseinandersetzungen um Raubgold, nachrichtenlose Vermögen und abgewiesene Flüchtlinge brachte Sigi Feigel es fertig, zwischen wohlwollenden und böswilligen Landsleuten zu unterscheiden ? ganz so, wie er auch erwartete, dass zwischen Juden und Juden, zwischen Israelis und Israelis unterschieden werde.
Ich denke, es waren diese Unvoreingenommenheit, die Zuversicht, die er ausstrahlte, und seine konziliante Art, die ihn zu einem so gern gesehenen Gast in den Medien machten. Sigi Feigel war immer bereit, etwas zu sagen, er hatte auch immer etwas zu sagen, und er sagte es so, dass man hinterher das Gefühl hatte, es sei noch nicht alles verloren. Als Mitte der neunziger Jahre die Auseinandersetzungen zwischen dem Jüdischen Weltkongress und den Schweizer Banken ihren Anfang nahmen, als der ?Fall Meili? die Öffentlichkeit erschütterte und die divergierenden Geschichtsbilder der Schweiz krachend aufeinander prallten, war es, neben Rolf Bloch und andern, vor allem Sigi Feigel, der die Wogen zu glätten versuchte, indem er ?Gerechtigkeit für die Opfer? forderte, aber auch ?Fairness für die Schweiz?.
Es war 1997, auf dem Höhepunkt dieser Debatte, als Sigi Feigel mich eines Tages aus heiterem Himmel anrief und sagte: ?Klara, du muesch mini Biografie schriibe.? Er hatte es offensichtlich satt, immer und immer wieder die gleichen Geschichten zu erzählen und die gleichen Fragen zu beantworten. Er wollte etwas in der Hand haben, das man herzeigen und unter die Leute bringen konnte. Wie Sie wissen, ist aus dieser Idee nichts geworden. Ich habe damals spontan abgewinkt, weil ich Sigis und meine Ungeduld kannte und wusste, wie aufwändig es ist, eine Biografie zu verfassen, die diesen Namen auch wirklich verdient. Statt dessen schlug ich ihm vor, ein Gesprächsbuch zu machen, in dem er selbst spontan und unverfälscht zu Wort kommen sollte. Sigi Feigel griff die Idee bereitwillig auf. Sie liess sich relativ rasch verwirklichen, sie kam seiner Art, zu erzählen und beim Reden zu denken, entgegen und erlaubte es, in ausgewählten Kapiteln auf die zentralen Aspekte seines Lebens und Wirkens einzugehen. Als das Buch ?Schweizer auf Bewährung? ? ?öises Buech?, wie er es stets liebevoll nannte ? erschien, war er unglaublich stolz. Dass es termingerecht zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Juristische Fakultät der Universität Zürich in die Buchhandlungen gelangte und es kurz darauf sogar auf die schweizerische Bestsellerliste schaffte, freute ihn ganz besonders. Rührig, wie er war, hat er auch selbst viel zur Promotion des Produkts beigetragen.
Monate lang sind Sigi Feigel und ich dann mit unserem Buch durch die Schweiz getingelt. Wir waren in Bern und in Glarus, in Kreuzlingen und in Liestal, in Appenzell, in Langenthal und in Schwyz und haben mit verteilten Rollen aus dem Buch vorgelesen. Das heisst: Ich habe meine Fragen vorgelesen, Sigi hingegen schweifte ab, wann immer es ihm gefiel. Es kam ihm halt immer noch etwas in den Sinn, was man anders, besser oder zusätzlich hätte erzählen können. Und wenn ich ihn dann zur Ordnung rief, um nicht vollends aus dem Konzept zu geraten, dann verwarf er die Hände, rollte die Augen und beklagte sich lauthals, wie sehr er unter meiner Fuchtel zu leiden habe. Mit der Zeit wurde daraus ein Spiel, das sich beliebig abrufen liess und immer gut ankam. Die Leute lachten, das Eis war gebrochen, gelegentlich vorhandene Feindseligkeit hatte es schwer, sich gegen die aufgeräumte Stimmung zu behaupten.
So richtig in seinem Element war Sigi Feigel im Grunde aber immer erst, wenn die Lesung vorbei war und die Fragen kamen. Sie konnten noch so dumm und noch so dreist sein, er verstand es immer, etwas Brauchbares daraus zu machen. Ich habe nie erlebt, dass er jemanden ins Unrecht versetzt oder, auf gut schweizerdeutsch gesagt, ?in Egge gschnuret? hätte. Er nahm vielmehr auf, was er hörte, ordnete es ein und half den Leuten wie nebenbei und, ohne sie zu belehren, die Dinge auch einmal von einer anderen Warte aus zu betrachten. Er tat dies so geschickt und mit so viel Glaubwürdigkeit, dass er das Publikum am Ende stets auf seiner Seite hatte.
Manchmal sprang der Funke aber auch schon am Anfang über: in Bern zum Beispiel. Da hatte man uns in der Buchhandlung ?Stauffacher? auf einem winzig kleinen Balkon im ersten Stock zwei Stühle hingestellt, dort sassen wir und redeten auf das Publikum hinab, das unten im Hof Platz genommen hatte. Sigi Feigel erkannte die Komik dieser Inszenierung sofort und konnte sich den Hinweis auf Romeo und Julia und einem gewissen Balkon in Verona nicht verkneifen. Der Abend war gelaufen, noch ehe er richtig begonnen hatte. Wer immer aus dem Kreise ?patriotisch gesinnter Aktivdienstler? sich hatte zu Wort melden wollen, hatblieb chancenlos. Der Applaus war überwältigend und des Signierens kein Ende.
An Anlässen wie diesem wurde mir bewusst, wo Sigi Feigels besondere Stärken lagen: Er konnte nicht nur gut reden, träf formulieren und geschickt argumentieren; er verstand es darüber hinaus, noch die ernsthaftesten Dinge so zu präsentieren, dass Raum für ein befreiendes Schmunzeln oder einen ironischen Seitenhieb blieb. Sigi Feigel liess seinen Zuhörerinnen und Zuhöreren stets die Möglichkeit, selbst zu denken, was sie wollten. Und wenn er sie von etwas überzeugte, dann so, dass sie das Gefühl hatten, sie seien ganz von alleine drauf gekommen. Das war Taktik, gewiss, aber es war zugleich mehr ? es war Überzeugung. Sigi Feigel hatte seine Prinzipien, aber er war weit davon entfernt, ein Dogmatiker zu sein. Ideologen waren ihm ein Graus, egal welcher Religion oder politischen Partei sie angehörten.
Ich habe mich manchmal gefragt, woher er diese Begabung hatte und wie es kommt, dass einer wie er den Mut hat, aufzustehen und zu reden, andere jedoch nicht. Prägend war für ihn sicher sein Elternhaus, ein wichtiger ?Lehrblätz? die Zeit, in der er aufwuchs. Als Gymnasiast und Student lernte er alle Spielformen des helvetischen Opportunismus kennen. Er erlebte, wie man auch hierzulande mit der neuen Ordnung zu liebäugeln begann, und er durfte am eigenen Leib erfahren, wie Freundschaften zerbrachen, weil man glaubte, sich die Bekanntschaft mit einem Juden in der neuen Zeit nicht mehr leisten zu können. Gleichzeitig stand ihm das Beispiel seiner Eltern vor Augen, die sich als Juden in der katholischen Innerschweiz zu behaupten wussten und auch in finsterster Zeit Verfolgten und Notleidenden Zuflucht boten. Man muss Sigi Feigel gehört haben, wie er im schönsten Nidwaldnerisch seine Erinnerungen aus Hergiswil zum Besten gab. Es waren immer lustige Geschichten von Pfarrherren und Dorfschmieden, von Schankwirten und Gendarmen; aber sie enthielten immer einen ernsten Kern. Die Botschaft lautete: sich nicht ducken und nicht kuschen, sondern offen zu sich selber stehen und Widerstand leisten, wenn es nötig ist. ?Mit einem Antisemiten nicht reden, zurückschlagen!?, lautete die Devise von Mutter Feigel, und als man dem Vater riet, sich als ?konfessionslos? einzutragen, wenn er im Kanton Nidwalden eingebürgert werden wolle, weigerte sich dieser klar, sagte, ?ich bin Jude, das weiss hier ohnehin jeder?, und sah sich nach anderen Möglichkeiten um.
Etwas von dieser Widerständigkeit lebte in Sigi Feigel weiter. Unter all den vielen Fotos, die in den bewegten neunziger Jahren von ihm im Umlauf waren, ist mir deshalb eins besonders in Erinnerung geblieben: Sigi Feigel und Christoph Blocher in den Wandelhallen des Bundeshauses, Kopf an Kopf wie zwei Munis, die demnächst aufeinander losgehen. Im Kampf ums Antirassismus-Gesetz hatte Sigi Feigel dem Volsktribun aus Herrliberg ein Stillhalteabkommen abgerungen. Während der Weltkriegsdebatte und dem Gezänk um die Solidaritätsstiftung hatte er ihm als einer von wenigen ins Angesicht widerstanden. In Sigi Feigel hatte Blocher seinen Meister gefunden: einen, der keine Angst hatte vor ihm und sich nicht zu schade war, auch mal in gleicher Münze zurückzugeben.
Warum tat Sigi Feigel dies alles? Warum stellte er sich immer wieder, setzte sich aus, vermittelte und trat auch dann noch als 1. August-Redner auf, als er gezwungen war, zu seinem Schutz eine kugelsichere Weste zu tragen? Als ich ihn einmal fragte, was ihn eigentlich all die Jahre angetrieben hatte, sagte er, er habe etwas von dem zurückzugeben versucht, was er und seine Familie von der Schweiz empfangen hätten. Eine Geste des Dankes also ? gesprochen von einem, der sehr wohl wusste, wie zerbrechlich die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft mit ihrer jüdischen Minderheit nach wie vor war. Den Titel unseres Buches ?Schweizer auf Bewährung? hatte Sigi Feigel gewählt. Die Formulierung stammte von ihm. Denn bei allem Optimismus war er sich sehr wohl bewusst, wie rasch Wohlwollen in Ablehnung umschlagen kann und wie wenig es braucht, bis man im loyalen Mitbürger wieder den Fremden sieht, dem nicht zu trauen ist.
In diesem Sinne sehe ich Sigi Feigels Vermächtnis als eine Verpflichtung an. Wir Mehrheitsschweizer empfinden uns vielleicht nicht als ?Bürger auf Bewährung?. In der Bewährung stehen wir aber allemal. Sie möglichst gut bestehen zu wollen, sollte unsere Form des Dankes an Sigi Feigel sein.
© Tages>Anzeiger; 30.08.2004; Seite 11, Zürich© Tages>Anzeiger; 30.08.2004; Seite 11

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