Publikationen: Tagesanzeiger ii
«Er war ein Mensch, der aufstand und "Halt!" rief»
An der Gedenkfeier für Sigi Feigel in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich sprachen auch Kaspar Villiger und Josef Estermann.
Von Daniel Suter
Zürich. - Im grossen Saal der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) gedachten am Sonntagabend gegen 750 Menschen Sigi Feigels, des am 28. August verstorbenen Ehrenpräsidenten der ICZ. Alle Rednerinnen und Redner erinnerten sich liebevoll und dankbar an die Persönlichkeit und die Leistungen des grossen Mannes. Noch zwei Tage vor seinem Tod, erzählte ICZ-Präsident Harry Berg, habe Feigel ihm gesagt: «Wir müssen zusammenhalten, nur wenn wir einig sind, sind wir stark. Etwas anderes können wir uns gar nicht leisten.» Rabbiner Zalman Kossowsky nannte den Verstorbenen «einen Generator des Lichts in unserer dunklen Welt». Dieses Licht gelte es weiterzutragen und weiterleuchten zu lassen.
Auch nicht jüdische Freunde würdigten den Menschen und sein Wirken. Für Kantonsratspräsidentin Emy Lalli verkörperte Sigi Feigel drei Einsichten: Wer sich durchsetzen will, muss sich einsetzen. Wer sich einsetzt, kann Berge versetzen. Und wer sich einsetzt, setzt sich auch aus. Trotz Anfeindungen sei Sigi Feigel seinen Weg unerschrocken gegangen.
Alt-Bundesrat Kaspar Villiger, Träger des von Feigel initiierten Fischhof-Preises, zählte Gründe auf, warum es gerade in unserer Welt Menschen wie Sigi Feigel brauche: «Es sind ja nicht die Umstände allein, welche Rassismus und Antisemitismus hervorbringen - es sind ja immer Menschen, die das populistisch schüren und ausnützen. Darum ist es so wichtig, dass es auch Menschen gibt, die aufstehen und "Halt! rufen.» Villiger rühmte die Zivilcourage von Feigel besonders auch in der Holocaust-Debatte. «Er bezeichnete klar die dunklen Flecken in unserer Geschichte und forderte Gerechtigkeit für die Opfer. Und er widersetzte sich andererseits der undifferenzierten Verteufelung unserer Weltkriegsgeneration.»
Der frühere Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann sagte, Feigel habe als Junger der Cicero der Schweiz werden wollen. Noch im Alter wurde er Anwalt und setzte sich ciceronisch und unermüdlich für die Res publica ein. Er habe damit der ICZ und den jüdischen Gemeinden eine breite gesellschaftliche Anerkennung gebracht. «Das habe ich nicht als Jude, sondern als Schweizer gemacht», sei Sigi Feigels Kommentar gewesen.
Werner Rom, ehemaliger ICZ-Präsident, bezeichnete die von Sigi Feigel erreichte Öffnung der jüdischen Gemeinde nach aussen als Auftrag an die Nachfolgenden. Sigi Feigel habe erreicht, dass die Juden «auf Augenhöhe» mitreden können.
Werner Kramer, Präsident der von Feigel ins Leben gerufenen Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz, sprach im Namen von zahlreichen Freunden. Sigi Feigel habe die Fähigkeit gehabt, bei Siegen - wie der Annahme der Rassismusstrafnorm - nicht zu triumphieren. Umgekehrt sei Sigi Feigel im Zeitpunkt von Niederlagen - wie der Ablehnung der Solidaritätsstiftung - nicht in Klagen versunken.
Während der Feier sang zweimal der Synagogenchor Zürich. Beim zweiten Lied wurden Fotos von Sigi Feigel vorne an die Wand projiziert. Ein ganzes Leben, vom Jüngling bis zum Greis, in nur einem Dutzend Bildern. Und jeder, der sie sah, wurde gewahr: Sigi Feigel war nicht allein«a Mensch» - sein höchstes Lob an andere -, sondern er war «a schejner Mensch».
Sigi Feigel (1921-2004).
© Tages>Anzeiger; 30.08.2004; Seite 11, Zürich

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